Energie

Der IVPU im Interview:

„Jeder Liter Erdöl, der für die Herstellung verwendet wird, spart fast 100 Liter Heizöl“

Herr Schellenberger, was genau ist Polyurethan und wofür eignet es sich?

Polyurethan ist ein Kunststoff, der uns häufig im Alltag begegnet, z. B. im Auto, im Sport und im Haushalt. So sind z. B. auch Kühlschränke mit Polyurethan gedämmt. Die Rohstoffe werden über mehrere Zwischenstufen hauptsächlich aus Erdöl gewonnen. Einige Grundstoffe von Polyurethan, z. B. mehrwertige Alkohole, können auch aus nachwachsenden Rohstoffen wie Industriezucker oder pflanzlichen Ölen hergestellt werden. Polyurethan-Hartschaum, oft nur als „PU“ bezeichnet, eignet sich sehr gut zur Gebäudedämmung. Aufgabe des Dämmstoffs ist es – und das gilt übrigens für alle Dämmstoffe – die Wärmeverluste durch die Gebäudehülle, also durch Dach, Wand, Boden und Decke zu begrenzen.

Welche Vorteile hat eine Dämmung mit Polyurethan und welche Eigenschaften unterscheidet es von anderen Dämmstoffen?

Das wichtigste Merkmal von Polyurethan-Dämmstoffen ist ihre gute Wärmedämmleistung. Je weniger ein Dämmstoff die Wärme leitet, desto wirksamer begrenzt er Wärmeverluste. Das spielt bei Gebäuden, die sich durch hohe Energieeffizienz auszeichnen, eine große Rolle. Diese Niedrigstenergiehäuser benötigen eine gut gedämmte Gebäudehülle. Damit die Dämmschichten nicht immer dicker werden, werden heute hocheffiziente Wärmedämmstoffe verwendet. Außerdem ist Polyurethan-Hartschaum druckfest und damit in der Anwendung sehr dauerhaft. Und er nimmt wegen seiner geschlossenen Zellstruktur praktisch kein Wasser auf.

Für welche Anwendungsgebiete eignet sich Polyurethan?

Polyurethan kann zur Dämmung im Dach, an der Innenwand, im Fußboden oder an der Kellerdecke eingesetzt werden, also überall dort, wo hohe Dämmleistung und Druckfestigkeit gefordert ist. Weitere Anwendungsbereiche sind die Dämmung von Fassaden, also sogenannte Wärmedämmverbundsysteme, und die im Norden sehr verbreiteten zweischaligen Außenwände.

Inwiefern ist eine nachträgliche Dämmung mit Polyurethan unproblematisch?

Im Interview: Tobia Schellenberger

Im Interview: Tobia Schellenberger

Wenn bei einer Sanierung bestimmte Arbeitsschritte ohnehin durchgeführt werden müssen – z. B. wenn Dachziegel erneuert werden – sollte man auf jeden Fall über eine Dämmung nachdenken. Die PU-Dämmung von Dächern kann von außen erfolgen, so dass die Nutzung des Gebäudes nicht beeinträchtigt wird. Der vorhandene Dachaufbau einschließlich der alten Dämmung bleibt bestehen. Die neue Dämmung und die Dachdeckung oder Dachabdichtung wird einfach zusätzlich eingebaut. Durch die Sanierung werden nicht nur die Wärmeverluste minimiert, sondern auch das Dach gegen Regenwasser von außen und gegen Feuchte von innen geschützt. Besonders einfach ist die nachträgliche Dämmung des Dachbodens bei Häusern mit Dächern ohne Wärmeschutz. Polyurethan-Dämmelemente sind begehbar und stabil. Für die Dämmung der Kellerdecke gibt es Dämmelemente mit z. B. weiß beschichteten Sichtseiten oder Dekorspanplatten. Die Decke muss anschließend nicht mehr gestrichen werden.

Wie bewerten Sie kritische Stimmen gegenüber der Dämmung mit Kunststoffen wie Polyurethan?

Häufig wird eingewandt, dass zur Herstellung von Kunststoffen Erdöl benötigt wird. Dabei vergisst man aber, dass nur ein sehr kleiner Teil der fossilen Rohstoffimporte für die Kunststoffherstellung verwendet wird. Der überwiegende Teil, etwa 95 %, wird gegenwärtig vor allem zur Energieerzeugung verbrannt. Zur Energiebilanz von Polyurethan-Dämmstoffen gehört, dass jeder Liter Erdöl, der für die Herstellung des Dämmstoffs verwendet wird, im Gebäude während der gesamten Nutzungszeit fast 100 Liter Heizöl einspart. Kunststoffe können grundsätzlich auch aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Da die Erzeugung erneuerbarer Rohstoffe oft ressourcenintensiv ist, muss aber im Einzelfall geprüft werden, ob damit ein ökologischer Vorteil verbunden ist. Eine sehr interessante Möglichkeit, die im Moment technisch entwickelt wird, ist die Synthese von Polyurethanrohstoffe aus dem Klimagas CO2.

Ein weiterer Punkt, der bei Kunststoffen oft zur Sprache kommt, sind Gesundheitsaspekte. Bauherren legen verständlicherweise immer größeren Wert auf gesundheits- und umweltverträgliche Baustoffe. Polyurethan-Dämmstoffe werden z. B. regelmäßig von unabhängigen Instituten hinsichtlich der Abgabe von schädlichen Stoffen geprüft. Dadurch wird sichergestellt, dass die strengen Anforderungen des Ausschusses für die gesundheitliche Bewertung von Baustoffen erfüllt werden. Dieser Ausschuss wurde unter der Regie von Umwelt-, Gesundheits- und Baubehörden gegründet und entwickelte ein Verfahren, mit dem die Freisetzung flüchtiger Stoffe und Partikel gemessen und die Gesundheitsverträglichkeit von Bauprodukten einheitlich und objektiv bewertet werden können. PU Dämmstoffe können unbedenklich in Innenräumen eingesetzt werden.

Außerdem wird Polyurethan-Hartschaum recycelt, also stofflich wiederverwertet. PU Recyclingplatten sind im Bauwesen und Bootsbau ein sehr gefragter Konstruktionswerkstoff.

Überschriften wie „Dämmung ist ökologisch zweifelhaft und teuer“ (FAZ) oder „Wahnsinn Wärmedämmung“ (Badische Zeitung) lassen den Verdacht aufkommen, dass viele Verbraucher verunsichert sind oder falsch beraten werden. Wie schätzen Sie die Situation in Deutschland ein?

Ja, es ist leider richtig, dass sich viele Bauherren durch die Berichterstattung verunsichern lassen und daher notwendige und sinnvolle Sanierungsmaßnahmen zurückstellen. Das ist insofern bedauerlich, weil sich Wärmedämmung sowohl aus Sicht des Bauherren, der in sein Haus investiert, als auch aus ökologischer Sicht lohnt. Hinzu kommt, dass Wind- und Solarenergie künftig bei der Energieversorgung einen höheren Anteil haben sollen, aber nur begrenzt zur Verfügung stehen. Die effiziente Nutzung erneuerbarer Energien ist eine wichtige Voraussetzung, dass die Wärmewende im Gebäudebereich gelingt. Ein klimaneutrales Gebäude ist jedoch ohne gute Dämmung der Gebäudehülle nicht machbar. Klar ist, dass der Bauherr mit der Sanierung heute die Weichen für die nächsten 40 oder 50 Jahre stellt.

Wie gehen Sie als Industrieverband mit den kritischen Äußerungen um und inwiefern beraten Sie Ihre Mitglieder im Umgang mit dieser Kritik gegenüber dem Verbraucher?

Grundsätzlich haben Verbraucher den Anspruch auf sachliche und neutrale Information. Eine freie, gegebenenfalls auch kritische Berichterstattung gehört zu unserer Gesellschaft. Bauherren sollten sich aber auch überlegen, warum bestimmte Themen zu einem bestimmten Zeitpunkt medial herausgestellt werden. Medienunternehmen sind eben auch wirtschaftliche Akteure mit Eigeninteressen. Der IVPU informiert nicht nur in Printmedien über sachliche Zusammenhänge bei Energieeffizienz, Sanierung und Dämmung sowie Wohnkomfort. In Social Media Kanälen wie Facebook oder Twitter bietet sich der Verband unter PUonline als Dialogpartner an, teilt Informationen, und verweist auf interessante Blogbeiträge anderer Bauschaffenden. Unsere Mitglieder setzen auf praxisrelevante Themen und die gute Qualität der Produkte. Die technischen Eigenschaften und die Emissionen von PU Dämmprodukten werden durch unabhängige Institute entnommen, geprüft und zertifiziert. Wir empfehlen Bauherren, bei einer geplanten Sanierung in jedem Fall einen Fachhandwerker und individuelle Beratung durch einen qualifizierten Energieberater in Anspruch zu nehmen. Sinnvoll ist eine Sanierung in Schritten, eine gute Abstimmung der Handwerker und der geplanten Maßnahmen.

Die Redaktion dankt Herrn Schellenberger ganz herzlich für die spannende Einblicke und die detaillierten Antworten. Weitere Informationen zum Industrieverband Polyurethan-Hartschaum (IVPU), erhalten Sie hier

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