Sanierung

Hamburger Feuerwehr im Interview

Brandpanik um Polystyrol-Dämmung unbegründet

Fassadenbrand: Wie hoch ist die Brandgefahr bei Polystyrol-Dämmung? Fassadenbrand ist seltener, als man denkt. / © Elnur - Fotolia.com

Nach dem verheerenden Brand in einem Londoner Hochhaus wird erneut die Kritik gegenüber nachträglich gedämmter Fassaden mithilfe von Polystyrol laut. Deshalb stellen sich viele Mieter in Deutschland nun die Frage: „Kann eine solche Katastrophe auch in deutschen Gebäuden passieren?“
Wir haben mal bei der Berufsfeuerwehr in Hamburg nachgefragt und uns genauer erklären lassen, welche Vor- und Nachteile mit dem Einsatz dieses Dämmstoffs verbunden sind:

Herr Frese, welche Erfahrungen haben Sie mit nachträglich gedämmten Fassaden gemacht? Verzeichnet die Stadt Hamburg vermehrt Brände durch die Verwendung von Polystyrol?

Herr Frese: Grundsätzlich haben sich die Brände hier in Hamburg dadurch nicht gehäuft. Wir hatten im letzten Jahr einen nennenswerten Brand im Schanzenviertel. Dort ist es durch eine Beflammung von außen durch einen Müllcontainer zu einem relativ rasanten Abbrand einer Fassade gekommen. Allerdings wurde dies durch die Bauform des Gebäudes begünstigt, sodass ein Kamineffekt sich in kürzester Zeit einstellen konnte. Dies führte zu diesem schnellen Abbrand der Fassade, aber ebenso auch zu einer Gefährdung der dort lebenden Bewohner.

Wie oft brennt denn überhaupt eine Fassade?

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Echte Gefahr besteht nur durch das äußere Übergreifen von Feuer / © Daemmen-und-Sanieren.de

Herr Frese: In der Regel brennen wärmegedämmte Fassaden eher selten, weil die Fassaden von Gebäuden mit mehr als drei Geschossen aufgrund der Bauordnung schwer entflammbar hergestellt werden müssen. Der klassische Brandfall ist der Wohnungsbrand, der eben auch die Grundlage der Prüfkriterien für die Dämmung mit Polystyrol-Platten ist. Polystyrol hat eine brandschutztechnische Zulassung und ist als Baustoff ausdrücklich zugelassen. Die dafür notwendigen Prüfkriterien erfüllt Polystyrol bei einer ordnungsgemäßen Verbauung. Diese Kriterien basieren jedoch, wie gesagt, auf der Annahme eines Wohnungsbrandes. Platzen die Fenster einer Wohnung, so sind entsprechende Brandriegel in der Fassade aus nicht brennbaren Materialien, beispielsweise Steinwollte, integriert, die den Abbrand verhindern. Was man bisher nicht betrachtet hat ist die Möglichkeit, dass ein Feuer auch von außen an die Fassade herangetragen werden kann, beispielsweise durch einen brennenden PKW oder Müllcontainer. Dieses Szenario ist bisher kein Bestandteil der Prüfkriterien gewesen. Und eben diese äußere Beflammung birgt eine Gefahr. Weiterhin kritisch ist es auch dann, wenn sich die Fassade im Bau befindet.

Häufig steht im Mittelpunkt der Kritik auch die Tatsache, dass Polystyrol beim Abbrennen viele giftige Bestandteile freisetzen. Inwieweit ist das ein Problem dieses Dämmstoffs?

Herr Frese: Für uns als Feuerwehr ergibt sich keine Problematik. Bei nahezu jedem Wohnungsbrand verbrennen Plastikverbindungen von Möbeln oder Fußböden, die eine dichte Rauchentwicklung fördern. Ähnlich ist es bei Polystyrol auch. Als Feuerwehr sind wir mithilfe unserer Atemschutzgeräte davor geschützt. Anders verhält sich die Situation für die Bewohner eines solchen Gebäudes. Diese können durch eine massive Rauchentwicklung durchaus gefährdet werden.

Haben die Bewohner die Möglichkeit, die Gefahr für sich selbst zu minimieren? Gibt es spezielle Verhaltensweisen, die es zu beachten gilt?

Herr Frese: Nein, da gibt es keine Verhaltensregelungen, die sich nach der Dämmung des Hauses richten. Alle ordnungsgemäßen Fassaden ermöglichen das gleiche Verhalten bei einem Brand. Das Gebäude sollte also entsprechend verlassen werden. Wenn dies nicht möglich ist, sollte man sich immer sofort bei der eintreffenden Feuerwehr bemerkbar machen. Dann werden sie selbstverständlich gerettet. Die Dämmung ist dabei in keinem Fall relevant. Des Weiteren sollte darauf geachtet werden, dass Müllcontainer und PKWs nicht direkt vor der wärmegedämmten Fassade stehen.

Inwieweit ist Polystyrol dann überhaupt ein problematischer Dämmstoff?

Herr Frese: Es gibt durchaus Baustoffe, die beim Abbrennen wesentlich weniger Rauch entwickeln und die Bewohner deshalb auch weniger gefährden. Dies ist jedoch eine Kostenfrage und bei der richtigen Verbauung des günstigen Polystyrol stellt dieser Dämmstoff keine Gefahr dar.

Hendrik Frese: Gefahreneinschätzung von Polystyrol / © Pressestelle der Feuerwehr Hamburg

Hendrik Frese: Gefahreneinschätzung von Polystyrol / © Pressestelle der Feuerwehr Hamburg

Nichts desto trotz hat die Bauministerkonferenz eine Untersuchung veranlasst, die mithilfe von Versuchsbränden, teilweise auch mit einer Beflammung von außen, diesen Dämmstoff untersucht haben. Die Versuche haben gezeigt, dass sich Polystyrol durchaus kritisch verhält und man bei Neubauten deshalb nun auch nachrüsten muss. Das heißt, es wird zukünftig Brandriegel geben, die in einer Höhe von 0,6m und 3,0m im Gebäude integriert werden, und diesen Kamineffekt und das rasante Abbrennen einer Fassade verhindern sollen.

Im Internet findet sich zum Brandverhalten folgender Satz: „In zusätzlichen Großversuchsverfahren wurde jedoch festgestellt, dass die Brandmechanismen eines Schmelzbrands an einer Fassade in einem Laborversuch nicht ausreichend untersucht werden können.“ Kann es also auch sein, dass selbst die Feuerwehr nicht genau sagen kann, wie sich das Material während eines Brands verhält?

Herr Frese: Die Feuerwehr selbst führt diese Versuche nicht durch, dafür sind Materialprüfungsanstalten zuständig. Einen realistischen Brandversuch durchzuführen ist natürlich nur mit einer gewissen Annäherung möglich. Mit ähnlichen Flächen wird immer versucht, auch einen Fassadenbrand über mehrere Etagen darzustellen und diesen dann möglichst realistisch und ungünstig zu platzieren, um ein Urteil über den Brandverlauf zu ermöglichen. In einem konkreten Versuch hat man eine Fassade L-förmig aufgebaut und in die Ecke einen Brandequivalent (ähnlich eines Müllcontainers) platziert. Man hat festgestellt, dass nach den derzeitigen Richtlinien die Fassade versagen würde und sich innerhalb einer kurzen Zeit zu einem Vollbrand entwickelt. Unter anderem dieser Versuch war auch dafür verantwortlich, dass die Bestimmungen hinsichtlich des Brandschutzes geändert werden. Problematisch ist jedoch, dass für bestehende Fassaden kein nachträgliches Umrüsten der Fassade verpflichtend vorgesehen ist.

Wie bewerten Sie allgemein die mediale Aufmerksamkeit, die der Dämmung mit Polystyrol aktuell gewidmet wird? Ist es begründet, dass man vor Risiken und Gefahren gewarnt wird oder ist die Angst und Kritik vielleicht völlig unbegründet?

Herr Frese: Im Endeffekt ist es aus meiner Sicht gut, dass man sich mit dem Thema befasst hat. Dadurch ist es zu einer Überprüfung dieser Fassaden gekommen und eben auch zu einer Reihe von Versuchen, die letztendlich dazu geführt haben, dass in Zukunft Veränderungen im Bereich der Brandschutzes vorgenommen werden. Deshalb ist es besonders aus der Sicht der Feuerwehr zu begrüßen, dass das Brandverhalten nun deutlich optimiert wird. Natürlich gibt es weiterhin Diskussionsbedarf, speziell während der Bauphase einer solchen Außendämmung. Wie kann verhindert werden, dass dieser Dämmstoff in der Bauphase in Brand gerät? Dies wird man sicherlich noch prüfen und bewerten müssen. Aktuelle Gesprächsrunden nehmen sich diesem Thema auch schon an.

5 Kommentare

  1. Laura sagt

    Die Aussage man könne nichts bei einem Brand tun, außer flüchten und wenn das nicht möglich ist sich bemerkbar machen, ist nicht richtig. Diese beiden Dinge (flüchten und bemerkbar machen kennt wohl jeder). Mir fehlen hier aber eindeutig einige andere wichtige Tipps des Herrn Hendrik Frese. Denn man kann durchaus noch viel viel mehr tun, gerade wenn man wirklich in einem Gebäude gefangen ist was lichterloh brennt und damit kann man seine Überlebenschancen um einiges erhöhen. Mir fallen gleich 3 wichtige Sachen ein. Aber gut.

  2. Bob der Baumeister sagt

    Sicher ist eine Polystyrol-Fassade im Reihenhaus-Bereich eher unkritisch. Brandriegel und Außenputz verhindern, zusammen mit 2 % hochgifiger Bromsalze als Flammschutz, in der Regel die Durchzündung. Nur muss man die Feuerwehr Hamburg darauf hinweisen, dass bei einer 30 cm starken Passivhausdämmung nach Abzug von Brandriegeln eine Brandlast von ca. 55 kWh/m2 vorhanden ist und der gesamte Aufbau als brennbar B1 (brennbar, aber schwer entflammbar) klassifiziert ist. Im Ernstfall werden die Brandriegel durch die brennende Schmelze des benzolbasierten Schaumstoffs sowie durch Pyrolyse-Gase einfach überlaufen. Dies hat z.B. die Feuerweher in Frankfurt genau unter Beobachtung, die Ergebnisse von Brandversuchen sind widersprüchlich. Real vorkommende Brandereignisse betätigen die Gefahrensituation. Bei jedem Dachausbau und für jede Fassade empfehle ich daher eindeutig nichtbrennbare Baustoffe wie z.B. Mineralwolle oder Gipsschaum zu verwenden.

  3. Das Oerb sagt

    Kleine Ergänzungen:

    1. In Europa hat man schon länger Polystyrol in die Kategorie Normalentflammbar (B2) eingestuft. Nur in Deutschland hat man an der DIN 4102 festgehalten und Polystyrol in Schwerenflammbar (B1) eingestuft. Die Gebäudeklassen, welche einen Schwerentflammbaren (B1) Baustoff für Fassadenbkleidungen vorschreiben können seit dem nur mit einer in den Landesbauordnungen geregelten Ausnahmegenehmigung, die man Allgemein Bauaufsichtliche Zulassung nennt, verbaut werden. Um es begrifflich richtig ein zu ordnen, wird hier nicht mit einem Baustoffklasse B1 wie von den LBO’s gefordert eine Fassadenbekleidung erstellt, sondern auf basis bestimmter Anforderungen an die Bauweise die Ausnahmegenehmigung für das Produkt eines Herstellers mit festgelegten Bauforgaben für diesen Anwendungszweck gegeben.
    2. Diese besonderen Anforderungen wurden in den letzten Jahren insbesondere durch die Bauministerkonferenz nach diversen Berichterstattungen zu Schadensfällen in den Medien, verschärft. Die im Artikel enthaltenen Schilderungen vom Brandangriff von Außen auf die Fassade wurden in diesem Zusammenhang neu beurteilt.
    3. Die Detailausbildung dieser Konstruktionsmerkmale erfordert Brandschutztechnisches Fachwissen, dass bei den Verarbeitern nach meiner Persönlichen Erfahrung nur seltenst zu finden ist. Bei Großbaustellen mit einer Fachbauleitung kann das also noch gut gehen, wenn die Fachbauleitung nicht versagt. Bei Bestandsgebäuden, die nur von Kaufleuten bewirtschaftet werden, kann das schnell in die Hose gehen. Da sollte man dann auf sichere Baustoffe setzen.

  4. Amberg/ Hausmeister sagt

    Die Feuerwehrleute sind mit Atemschutz-
    Masken ausgerüstet, aber wie können sich
    die Bewohner von Gebäuden mit Zwangs-
    Belüftung vor giftigen Gasen schützen? Die
    Rauchgase werden durch den Unterdruck
    der Entlüftung direkt in die Wohnungen
    gesaugt. Diese Frage konnten bisher weder
    Architekten noch Berater für Brandschutz
    beantworten. Meiner Ansicht nach sollten
    Fassadendämmstoffe aus Naturmaterial ge-
    fördert werden, anstatt erdölhaltige.
    Hubert Amberg

  5. Sandra Müller sagt

    Hallo und vielen Dank für den interessanten Artikel. Ich denke mit Steinwolle kann man dem Problem grundsätzlich aus dem Weg gehen. Für so große Fassaden wie in London wäre das bestimmt von Vorteil gewesen.

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